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Der Flug von Panama ging über das Sumpfgebiet des Dariengürtels und es war
keine Strasse auszumachen. Na, zum Glück haben wir verschifft und nicht
Camel-Trophy gespielt. Nach 1.5 Stunden Flugzeit sind wir in Caracas
angekommen. Der Einreisebeamte drückt uns den Stempel für 3 Monate
Aufenthalt in die Pässe und schon sind wir in Venezuela.
Kaum kommen wir in die Schalterhalle, stürzen sich alle Taxifahrer,
Geldwechsler, Buschauffeure, etc. auf uns, um uns ihre Dienste anzubieten.
Wir wechseln schwarz bei einer Autovermietung (Venezuela hat einen
Devisenstop eingeführt: Offiziell gibt es pro $ 1920 Bolivares, doch
schwarz kann man bis zu 3000 Bolivares rausholen) und schnappen uns einen
Bus, der uns nach Caracas reinbringt.
Wir haben schon im Internet gelesen, dass diese Stadt kein allzu sicheres
Pflaster ist und begeben uns mit Vorsicht auf Hotelsuche. Nach einiger
Herumlatscherei finden wir im Zentrum, im Hotel Waldorf eine Bleibe. Der
Name trügt, der Kasten ist schon ziemlich heruntergekommen, dafür kostet
die Nacht auch nur 12 CHF.
Es ist Wochenende und wir stürzen uns ins Sightseeing. Caracas besticht
durch sein modernes Zentrum mit vielen Wolkenkratzern, zahlreichen Parks
und einer stattlichen Anzahl interessanter Museen, aber auch durch
herumliegenden Dreck, von Abgasen verpesteter Luft und lärmigen
Fahrzeugen. Viele der Gebäude haben schon bessere Zeiten gesehen, doch
dafür ist die Metro schnell und sauber. Die Museen sind kostenlos und wir
schlendern durch das Museo de Belles Artes und Contemporary Art. Auf dem
Hauptplatz neben dem Museum gibt eine Gauklertruppe ihre Vorführung feil.
Wir fühlen uns wohl in dieser lebendigen Atmossphäre.
Am Montag nehmen wir die 300km nach Puerto Cabello in Angriff. Der
Reisebus ist auf Kühlschranktemperatur runtergekühlt und die Vorhänge
dürfen nicht geöffnet werden, damit die anderen Reisenden TV glotzen
können. Doch wir pfeifen darauf, öffnen unseren Vorhang und schauen uns
die vorbeiflitzenden Landschaft an.
In Puerto Cabello angekommen, nehmen wir ein Taxi zur Schiffsagentur und
fahren dann mit dem Verantwortlichen zum Zollgebäude. Zielstrebig steuern
wir die Abteilung Fahrzeuge an und bringen der Zöllnerin unser Anliegen
bei. Nach kurzer Konsultation der Gesetzestexte, meint sie, um das Auto
einzuführen, müssen wir eine Zollbearbeitungsgebühr von 1% des
Fahrzeugwertes entrichten. Wir schlucken ein paarmal trocken und
verweisen, dass wir ein Carnet de Passage hätten, vielleicht könne man die
Gebühr damit verhindern. Es ist später Nachmittag und wir fahren zum
Container, da sich das Carnet im Landy befindet. Der Container wird
bereitgestell, die Plombe geknackt, wir öffnen unser Vorhängeschloss und
die Türen: Unser Landy ist vor uns im Container, heil und unversehrt.
Yeppeeee. Wir packen das Carnet aus und fahren zurück zum Zollbüro. Dort
hat man noch nie etwas von einem Carnet de Passage gehört und die Zöllner
müssen dem Venezolanischen Automobilclub anrufen, was es denn mit dem
Carnet auf sich hat. Mittlerweile ist es abend geworden und wir quartieren
uns im Hotel ein.
Tags darauf kriegen wir den ganzen stressigen Beamtenalltag voll mit: zwei
Drittel der Angestellten lümmeln auf ihren Stühlen herum und machen gar
nichts, der weibliche Teil beschäftigt sich mit Maniküre und Schminken und
der restliche Drittel stempelt irgendwelche Durchschläge unzählige Male,
locht, bosticht und legt den ganzen Wisch in irgendwelche Kisten ab, wo
alles mit der Zeit verschimmelt. Wir haben den ganzen Morgen Zeit, diesem
Theater zuzuschauen, müssen zwischendurch selber auf die Bank um die
Gebühren zu zahlen (Carnet hilft nichts, doch wir geben den Autowert mit
8000$ an und somit fällt die Gebühr moderat aus) und können dann am späten
Nachmittag unseren Landy aus der Kiste rausholen. Es ist eine Freude
wieder auf eigenen Rädern unterwegs zu sein.
Wir fahren direkt nach Adicora, wo es noch besseren Wind als in El Yaque
haben soll. Bei Archie's Surfposada können wir uns vier Tage lang
einquartieren und ich kann endlich mal den Kite wieder auspacken. Esther
wollte nicht aufs Brett steigen und wartet auf moderatere Bedingungen in
El Yaque. Der Wind bläst jeden Tag mit 4-6 Windstärken und legt in der
Nacht noch zu, was uns im Dachzelt ziemlich durchschüttelt und schlaflose
Nächte bereitet.
Weiter geht es nach Maracaibo, der zweitgrössten Stadt Venezuelas, die vom
Reichtum der Erdölquellen nur so strotzen soll. Diesen Reichtum kriegen
wir nicht zu Gesicht, ausser einem grossen Hauptplatz mit einer Kathedrale
hat die Stadt nichts zu bieten.
Dafür können wir endlich neue Reifen aufziehen. Nachdem wir am nächsten
Tag einige Kilometer zurückgelegt haben, stellen wir fest, dass der Landy
schüttelt und vibriert und an Geschwindigkeiten über 100 nicht zu denken
ist. Wir kehren um, damit die Räder noch einmal ausgewuchtet werden
können. Wir werden von der einen Garage an die Hauptgarage verwiesen, wo
man zuerst gar nicht auswuchten will, unter der fadenscheinigen Erklärung,
die Maschine könne diese schweren Reifen nicht beschleunigen. Nach einigem
Hin- und Her werden die Räder noch einmal ausgewuchtet, es muss ganz
anders Blei angeschlagen werden, doch jetzt sollte es in Ordnung sein.
Denkste, der Landy schüttelt zwar weniger, aber immer noch. Wir haben
keinen Bock umzukehren und fahren über die Berge und die 4050 Meter hohe
Passhöhe des Pico Aquilla nach Merida.
Wir können neben der Casa Alemana-Suiza auf dem Parkplatz stehen und gegen
eine kleine Gebühr Toilette und Dusche benutzen. Der Besitzer ist Markus
Twerenbold aus Ennetbaden, ganz aus der Nähe, wo wir mal gewohnt haben.
Leider reist er für sechs Wochen zurück in die Schweiz und wir können nur
einen Tag lang Infos aus ihm rausholen.
Wir fahren sofort zur lokalen Firestone-Garage, um die Räder noch einmal
auszuwuchten und hier stellt man fest, dass alle vier Reifen einen
Fabrikationsfehler aufweisen und unrund laufen. Zum Glück ist der
Service-Agent in der Stadt, schaut die Reifen an und bestellt auf nächste
Woche gleich vier neue Reifen. Das nennen wir Service.
Da wir den 5007m hohen Pico Bolivar erklimmen wollen, gilt es ein wenig
Fitness zu treiben, damit wir nicht gleich kollabieren. Wir nehmen unsere
Räder vom Dach und quälen uns zwei Tage lang die Berge rauf und runter.
Merida wird zwar als MTB-Paradies gepriesen, doch davon kriegen wir nicht
viel mit. Es geht selbst auf Teerstrassen so steil rauf, dass wir im
leichtesten Gang aus dem letzten Loch pfeifen und auf den Schotterwegen
ist eher stossen angesagt. Die nächsten zwei Tage machen wir
Höhenanpassung à la Esther und Petr. Da wir keine Lust haben für 4-5 Tage
alles in den Rucksack zu packen und die Berge raufzuschleppen, fahren wir
mit dem Landy in die Höhe und übernachten einmal auf 3600 und danach auf
4200 Metern Höhe.
Am Donnerstag soll es losgehen. Doch leider konnte man uns in der Casa
Alemana-Suiza keinen Bergführer organisieren. Was jetzt? Auf eigene Faust
losziehen, oder noch einen Tag warten und dafür unsere
Höhenaklimatisierung aufs Spiel setzen? Wir suchen auf eigene Faust einen
Bergführer und fahren in ein anderes Seitental um wenigstens auf 3000m
Höhe zu übernachten.
Tags darauf geht es früh um 7:30 mit der längsten und höchsten Seilbahn
der Welt (12km Kabellänge) auf 4750m Höhe. Wir entschliessen uns, das
schwere Gepäck oben in der Seilbahnstation zu lassen und nur mit leichtem
Gepäck direkt auf den Pico Bolivar aufzusteigen. Die Alternative wäre, auf
4600m ein Bivak zu errichten und dann am nächsten Tag auf den Bolivar
aufzusteigen.
Nur schon der Abstieg auf 4600m erweist sich als anspruchsvolle Kletterei
und lässt uns erahnen, dass es sich hier keineswegs um einen lockeren
Spaziergang handelt. Leider ist Gustavo unser Führer in ziemlich
schlechter köperlicher Verfassung und ich muss ihm bald einmal den
Rucksack abnehmen, da wir befürchten, er würde uns sonst zusammenbrechen.
Ab 4800 m müssen wir uns anseilen und das richtige Bergsteigen beginnt.
Gustavo macht den Vorstieg, dann folgt Esther und ich. Seillänge für
Seillänge kraxeln wir in die Höhe. Doch Gustavo hat jedesmal eine
Ewigkeit, bis er die Sicherung errichtet hat und ist fast noch nervöser
als wir. Die Felsen sind mit Schnee und Eis bedeckt und erleichtern es
nicht sonderlich, die richtigen Griffe zu finden. Nach 6.5 Stunden
anspruchsvoller Kletterei (Grad 5) stehen wir um 16:00 auf dem Gipfel.
Unser erster gemeinsamer Fünftausender !!! Wir haben es geschafft !!!
Leider können wir den Moment hier oben nicht lange geniessen, da die Zeit
drängt, um wenigstens den schwierigsten Teil des Abstiegs bei Tageslicht
noch absolvieren zu können. Wie schön war es in Alaska, als wir noch um
Mitternacht bei Tageslicht den Gletscher überqueren konnten.
Das Wetter verschlechtert sich zusehends, es beginnt zu schneien und die
Sicht wird immer mieser. Wir seilen uns Länge für Länge ab, wobei die
erste Länge am schlimmsten ist, da es einen Überhang zu absolvieren gilt.
Danach wird es flacher und einfacher und das letzte anspruchvolle Coulouir
geht schon ganz locker vonstatten. Mittlerweile ist es 19:00 geworden, es
regnet und es ist dunkel. Gustavo verläuft sich ein paar Mal und nur dank
unserem GPS und Kompass finden wir den richtigen Weg wieder. Die
Taschenlampe in der Hand oder im Mund erklimmen wir die letzten 150
Höhenmeter zurück zur Bergstation und um 20:30 ist es vollbracht, wir sind
zurück, heil und unbeschadet.
Wir können in der Bergstation unsere Schlafsäcke ausrollen und können von
hier aus dem imposanten Wetterleuchten beiwohnen, das um uns herum die
Nacht zum Tag werden lässt. Schlafen können wir nicht viel, wir spüren die
Höhe, doch sind wir stolz den Pico Bolivar erklommen zu haben.
Tags darauf geht es mit der ersten Bahn wieder runter auf 1650m.
Nachdem wir die Dusche ausgiebig genossen haben, geht es zum Pneuhändler
um die Reifen abzuholen. Hier erwartet uns aber eine Enttäuschung. Die
Reifen wurden aus Sicherheitsgründen zurückgezogen und wir müssen auf
einen doppelt so teuren Reifen umsteigen. Dafür soll er die doppelte
Laufleistung haben und hat ein Profil, das selbst im schlimmsten Schlamm
noch Vortrieb liefern soll. Mal schauen, der Amazonas steht uns ja noch
bevor.
Am Sonntag können wir noch der Wahl der Niña Merida 2004 beiwohnen.
Sieben- bis Zehnjährige Mädchen stolzieren schon mit Hüftkick auf der
Bühne herum, steigen im eleganten Abendkleid die Showtreppe runter und
sitzen fast eine Stunde bewegungslos auf der gleichen Stelle, bis der
Moderator seinen Quatsch runtergelabert hat. Der ganze Anlass wurde im
Lokalfernsehen übertragen, doch die Organisation wäre bei uns selbst in
einem Skilager durchgefallen. Längen von über fünf Minuten, wo gar nichts
passiert, Mikrofone der Musikgruppen, die nicht eingeschaltet oder
schlecht gemischt sind und das Beste am Schluss: kaum steht die Gewinnerin
fest, klatschen nur die Leute aus ihrer Fangruppe, alle anderen stehen auf
und verlassen den Saal, noch bevor der Moderator seine Schlussansage
abgeschlossen hat. So sind sie eben, die Venezolanis.
Wir haben zu ihnen den Draht bisher noch nicht gefunden. Nachdem wir ein
halbes Jahr duch Mexiko und Zentralamerika gereist sind, wo die Leute
vorwiegend offen und freundlich sind, kommt uns die unfreundliche,
verschlossene, schnoddrige und unflexible Art der Venezolaner echt
schlecht rein.
Ein paar Beispiele:
- Kommt man in eine Bäckerei, Metzgerei o.ä. so wird man nicht begrüsst
und auch ein Gruss unsererseits wird seltenst erwidert.
- Im Supermarkt an der Kasse macht sich die Kassiererin nicht mal die Mühe
den Kopf zu heben, geschweige denn etwas zu sagen.
- Fährt man durch Dörfer, wird man von den Leuten nur doof angestarrt und
unser Winken und lächeln sehr selten erwidert.
- Eine Kundenorientierung ist nicht erkennbar, man muss froh sein, wenn
man überhaupt bedient wird und etwas kriegt.
Doch jetzt
genug gelästert, abgesehen von den Einheimischen ist es hier
landschaftlich sehr schön und abwechslungsreich und die vielfältige Flora
und Fauna macht einen grossen Teil des Reizes dieses Landes aus.
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