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Der Abschied von der Isla Margarita ist uns nicht leicht gefallen. Wir
hatten einen sicheren und bequemen Standplatz, tolle Kollegen, schönes und
trockenes Wetter, wussten, wo wir was einkaufen können, konnten gemütlich
am Strand herumhängen und abends noch die Happyhour geniessen. So richtig
wie Ferien. Jetzt heisst es wieder in den Reisealltag überzugehen: Wir
müssen uns wieder in neuen Einkaufsläden zurechtfinden, die richtigen
Strassen finden und für die Nacht einen sicheren und günstigen Standplatz
finden. Jaaaaa, liebe Leserschaft, ist nicht immer nur lustig in der Welt
herumzugondeln.
Doch nach ein, zwei Tagen sind wir wieder voll im Reisealltag drin und
geniessen es wieder neue Gegenden, Orte und Leute kennenzulernen und sind
wieder freudig gespannt, was der neue Tag so bringen wird.
Die Fahrt zur Guacharo-Höhle führt uns durch saftig grünen Urwald
und danach wieder in die Berge auf fast 1200 Meter Höhe. In dieser Höhle
hat sich eine einzigartige Spezies von Vögeln niedergelassen, die sich
wie Fledermäuse mittels akustischer Signale orientieren. Als wir die Höhle
betreten, veranstalten die Viecher ein schauriges Kreischkonzert und wenn
wir nicht wüssten, dass es sich um Vögel handelt, würden wir meinen, dass
gerade ein Drache aus dem Erdboden aufsteigt. Nach 800 Metern geht es
durch einen engen Durchstieg und es beginnt der Teil der Höhle, wo keine
Vögel mehr sind und wir endlich wieder richtig atmen können, da der
Gestank vorher bestialisch war.
Die Nacht ist mit 14°C ziemlich frisch und am nächsten Tag geht es wieder
runter ins Flachland, wo es nicht viel zu sehen gibt und wir kommen am
Abend bei der Posada Casita in Ciudad Bolivar an. Joachim rechnet
uns alle möglichen Varianten vor und wir entschliessen uns, 235$ pro
Person locker zu machen und einen dreitägigen Ausflug zum höchsten
Wasserfall der Erde, dem Salto Angel zu unternehmen.
Am nächsten Morgen früh geht es zum Flughafen, wo wir noch mit zwei anderen
Touris in die kleine Cessna einsteigen und nach Canaima fliegen.
Der Flug selber ist schon ein Erlebnis und wir setzen eineinviertel
Stunden später zur Landung an. Um 11:00 sieht das Wetter vielversprechend
aus und wir starten zum Überflug des Salto Angel und der umliegenden
Tafelberge (Tepui), die sich über 1000 Meter über die Ebene erheben. Diese
Berge sind mit 2700 Millionen Jahren erdgeschichtlich schon sehr alt und
existierten schon, als sich der südamerikanische Kontinent von Afrika
getrennt hat. Dadurch hat es auf diesen Tepuis völlig unbekannte Flora und
Fauna und man findet u.a. viele fleischfressende Pflanzen, die sich von
Insekten ernähren, da jegliche Mineralien und Nährstoffe schon aus dem
Boden ausgewaschen sind.
Der Überflug dauert 45 Minuten und führt vorbei am Auyan-Tepui zum Salto
Angel. Leider hat es noch viele Wolken und wir können nicht über den Tepui
fliegen. Doch nach etlichen Kurven rund um den Salto Angel, öffnet sich
der Himmel und wir kriegen ihn für ein paar Sekunden in voller Länge zu
sehen. Doch noch mehr als der Blick auf den Salto Angel, faszininiert uns
der nahe Vorbeiflug am Tepui, aus dem sich noch etliche andere Wasserfälle
ergiessen und der Blick auf die grüne Ebene, aus der noch andere Tafelberge
herausstechen.
Am Nachmittag besichtigen wir die Lagune von Canaima und können hinter dem
Salto Sapo durchlaufen, was ein eindrückliches und feuchtes Erlebnis ist.
Bei der Rückfahrt mit dem Boot über die Lagune schlägt der Blitz wenige
hundert Meter von uns ins lokale Kraftwerk ein und unser Fahrer wird via
Aussenbordmotor elektrisiert. Er lässt einen Schrei los, den Handgriff
ebenfalls und schaut ziemlich verdattert aus der Wäsche. Doch zum Glück
hat es ihm nichts gemacht und wir können die Fahrt unbeschadet fortsetzen.
Am nächsten Tag warten wir noch auf eine andere Gruppe Touris, die mit uns
die 4.5 stündige Fahrt via Boot zum Salto Angel in Angriff nehmen werden.
Um 11:30 geht es endlich los. Die Fahrt geht durch unberührte Wildnis und
bald kommen die Tepuis in Sicht. Mittlerweile rutschen im Boot alle hin
und her und versuchen eine bequeme Position auf den kleinen Holzbänken zu
finden. Um 14:30 beginnt es wie aus Kübeln zu schütten und wir sind froh,
unsere Regenkleider mitgenommen zu haben. Nach drei Stunden Fahrt biegen
wir in den Seitenarm zum Salto Angel ab und hier beginnt der wirkliche
Spass. Es gilt einige wilde Stromschnellen zu überwinden. Wir haben zum
Glück gute Plätze erwischt, doch die hinter uns sitzenden, werden von
mehreren Flutwellen gut durchgewaschen.
Doch nach vier Stunden Fahrt sind der schmerzende Hintern und die
durchnässten Kleider vergessen. Der Salto Angel lässt sich in voller
Grösse und Länge blicken. Wir steigen aus dem Boot und müssen noch gut
eine Stunde durch den Urwald zum Aussichtspunkt raufsteigen. Es ist ein
unbeschreibliches Gefühl, so nahe beim Wasserfall zu stehen. Alle starren
gebannt zur Kante des Tepui rauf, von wo sich das Wasser 1000 Meter in die
Tiefe stürzt. Die Gischt durchnässt uns, die stürmischen Böen werfen uns
fast vom Aussichtspunkt runter, doch wir bleiben eine halbe Stunde hier
oben und sind ob dem Naturschauspiel überwältigt. Es ist
fantastisch!!! Diese Wassermassen! Beim Abstieg gleiten unsere Blicke immer wieder zum
Wasserfall rauf und von unserer Hütte, wo wir übernachten, haben wir noch
einen fantastischen Blick auf den Wasserfall.
Zum Nachtessen gibt es Poulet vom Grill und geschlafen wird in
Hängematten. Am nächsten Morgen können wir noch einen Blick auf den Salto
Angel werfen
und dann geht es wieder 2.5 Stunden flussabwärts nach Canaima.
Beim Rückflug nach Ciudad Bolivar kommen wir in unserer kleinen Maschine
noch in eine Gewitterfront, werden ziemlich durchgeschüttelt, überall
um uns herum blitzt es und wir sind froh, als wir heil wieder ankommen.
Es war ein toller Ausflug und eine schöne Abwechslung, mal so
richtig Touri zu spielen: Alles war vororganisiert, es wurde für uns
gedacht und gekocht und wir mussten nur noch dem Führer hinterherlatschen.
Bald war wieder unsere Selbstständigkeit gefragt und wir fuhren nach El
Dorado, wo der Schweizer Bruno ein Camp hat. Man kennt ihn weit herum
und seine abenteuerlichen Geschichten könnten Bücher füllen. Er ist schon
fast seit dreissig Jahren in Venezuela, wo er als Ausbildner in der Armee
tätig war, hat auch im Gefängnis Las Colonias gearbeitet, das aus Henri
Charrieres "Papillon" bekannt ist und schürft jetzt auf seinem Grundstück
in einem 20 Meter tiefen Stollen nach Gold. Am Morgen weckt er uns mit
einem Alphornkonzert und geht dann zwischen den Piranhas schwimmen.
Wir setzen unsere Fahrt durch einige heruntergekommene Goldgräberdörfchen
fort und fahren dann auf die 1300 M.ü.M. liegende Gran Sabana. Die
Landschaft ändert sich von dichtem Urwald zu weiter Steppe mit
grossartigen Ausblicken auf die Tepuis in der Ferne.
Wir machen einen Abstecher nach Kanavayen, um den Tepuis noch ein
wenig näher zu kommen. Die 75km Dreckpiste ist zum Glück trocken und griffig,
doch bei Regen kann sie sich schnell in eine schlammige Angelegenheit
entwickeln. Die Gegend ist faszinierend und wir geniessen es, die Nacht
wieder einmal alleine in der Wildnis zu verbringen, mit einem Blick auf die
umliegende Savanne.
Der Abstecher zum Aponwao lohnt sich auf jeden Fall. Kanavayen ist
ein grosses Missionsdorf, in dem viele Pemon-Indianer in soliden, von der
Regierung finanzierten, Häusern wohnen und sich über Touristen nicht allzu
erfreut zeigen. Wir machen nur kurzen Halt und fahren die 20km weiter
Richtung Karuay Meru. Die Strecke ist teilweise anspruchsvoll und
prompt buddeln wir uns nach knapp 10km in einem Schlammloch ein. Hier
helfen nicht einmal unsere hardcore Schlammreifen weiter. Das Profil ist
voll und an ein Weiterkommen nicht zu denken. Doch diesmal geht es
ruckzuck wieder raus. Schaufeln auspacken, Weg für die Räder freischaufeln
und nach zehn Minuten geht es wieder weiter. Der Wasserfall selber ist
nicht so überwältigend, doch die Abendstimmung mit den umliegenden Tepuis
umso mehr.
Zurück zur Hauptstrasse, schnell die 200km runterspulen und schon sind wir
in Santa Elena, der Grenzstadt zu Brasilien angelangt. An der
Tankstelle wartet schon eine Autoschlange von mehreren Dutzend Autos, doch
gemäss Brunos Tip sollen wir vorne hinfahren. Das machen wir denn auch,
doch der Polizist schickt uns zur Ausländer-Zapfsäule rüber, wo vor allem
Brasilianer (und wir) tanken müssen und der Treibstoff dreimal so teuer
ist. Klaro, es ist immer noch nicht viel, wenn wir für 170 Liter Diesel 12
CHF ausgeben müssen, doch es wirkt nie allzu symphatisch, wenn Ausländer
mehr zahlen müssen.
10 Wochen Venezuela liegen hinter uns.
Das Land ist unglaublich vielseitig: wunderschöne Karibikinseln- und
Strände, hohe Anden, tierreiche Ebenen, die Gran Sabana mit ihren
urtümlichen Tafelbergen, unberührte Dschungel und ein pulsierendes
Caracas.
Doch jetzt da wir schon Brasilien sind, fallen uns die negativen
Unterschiede noch viel mehr auf:
- Die Leute sind wirklich unfreundlich, schnoddrig, arrogant,
verschlossen, uninteressiert und kaum hilfsbereit.
- Autofahrerisch bisher das Schlimmste, was wir je erlebt haben:
Kreuzungen werden hemmunglos blockiert, Rotlichter überfahren, Taxis laden Leute mitten auf der Strasse
ein und aus und Reifenwechsel oder Autoreparaturen finden vornehmlich in
Kurven oder hinter unübersichtlichen Kuppen statt. Der Blinker ist für sie
ein unbekannter Hebel an der Lenksäule und Bremslichter meist inexistent.
- Es hat unzählige, unfreundliche Militärkontrollen entlang den Strassen.
- Und hier noch das Beste: Wenn der Präsident eine Staatsansprache hält
(so geschehen während der EM-Übertragung), so müssen alle Kanäle im Radio
und Fernsehen sein Gelaber übertragen, selbst die Privatsender.
Doch es war eine interessante Zeit, bye bye Venezuela,
Brasilien wartet auf uns.
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